Drucken

Die Zukunft beginnt jetzt

Die Zukunft beginnt jetzt

Wir stehen kurz vor einer Revolution im Laufsport. Das Zusammenspiel zwischen Trainingswissenschaften und Coaching wird immer feiner und enger. Das Power Meter gibt uns die Möglichkeit, sportliche Leistung direkt, objektiv und durchgängig zu messen. Wir können die vom Athleten erzeugte Leistung nicht nur während des Trainings, sondern auch im Wettkampf präzise erfassen. Dadurch wird es möglich, sich genau auf die spezifischen Anforderungen eines bevorstehenden Wettkampfs einzustellen und sich dabei die Stärken des Athleten zunutze zu machen. Das Power Meter ist mit Abstand das beste Werkzeug, das es je gab, um Laufstil, Fitness und Leistungspotenzial zu beurteilen. Richtig eingesetzt, wird es Sie zu einem besseren, schnelleren Läufer machen.

Vielleicht denken Sie jetzt, Sie hätten das alles schon einmal gehört. In gewisser Weise stimmt das auch. Als Pulsmessgeräte auf den Markt kamen, gab es viele Sportler, die sich zunächst nicht die Mühe machten, zu lernen, wie die neue Technologie verwendet wird. Wer heute allerdings nur einen Pulsmesser – oder gar eine Stoppuhr – verwendet, gilt schon als altmodisch, weil er kein GPS benutzt. Die Einführung von GPS war und ist eine wichtige Verbesserung für unser Training. Aber sobald Sie das volle Potenzial von Power Metern erkannt haben, werden Sie merken, dass GPS nur ein erster Schritt war, vor allem für Athleten mit hochgesteckten Zielen.

Was wird kommen?

Einen Marathon unter zwei Stunden zu laufen, gilt im Moment als magische Grenze, ganz ähnlich wie die 4-Minuten-Schallmauer beim Meilenlauf, die Roger Bannister 1954 durchbrochen hat. Viele bezweifeln, dass der Mensch überhaupt in der Lage ist, eine solche Marathonzeit zu erzielen. Zahllose Artikel, Publikationen und Foren beschäftigen sich mit der Frage. Topläufer und Experten streiten noch darüber, wann es (wenn überhaupt) so weit sein wird, wie die Anforderungen an den Athleten aussehen und wie die Strecke beschaffen sein muss, dass eine so spektakuläre Leistung möglich wird.

Lange Zeit glaubte man, es wäre nicht oder nur sehr schwer machbar, einen Halbmarathon unter einer Stunde zu laufen, doch 1993 geschah es. Im Jahr 2011 war die vermeintlich unüberwindbare Grenze sogar über 150 Mal durchbrochen worden.

Wenn wir zurückschauen auf die Mitte der 1990er-Jahre, sehen wir eine Generation junger ostafrikanischer Läufer, die die Geschichte der Rekorde über 5000 und 10.000 Meter regelrecht umgeschrieben hat, und das Monat für Monat, Jahr für Jahr. Anfangs fragten wir uns, ob noch jemand außer Saïd Aouita die 5000 Meter in weniger als 13 Minuten laufen kann, wie er es 1987 getan hat – im Jahr 2011 war es über 250 Mal passiert. Während ich diese Zeilen schreibe, steht der Rekord bei 12:37 Minuten, das entspricht einer Pace von beinahe 4 Minuten pro Meile, doch es kommt noch besser: Der Weltrekord für den Meilenlauf der Männer steht mittlerweile bei 3:43 Minuten, das ist pro Stadionrunde über 4 Sekun­den schneller, als Bannister war! Der Weltrekord der Frauen liegt immer noch bei 4:12 Minuten. Werden auch die Frauen die magische 4-Minuten-pro-­Meile-Grenze durchbrechen? Wahrscheinlich schon früher, als wir denken.

Sie mögen mich für übertrieben optimistisch halten, aber ich glaube, die 2-Stunden-Marke beim Marathon wird schon bald fallen. Wahrscheinlich spätestens bei den Olympischen Spielen 2028. Und das ist erst der Anfang. 2028 mag noch weit weg klingen, aber vielen von uns sind die unglaublichen Leistungen der 1990er-Jahre noch so gut in Erinnerung, als wäre es erst gestern gewesen.

Das Problem an der Überzeugung, eine bestimmte Leistung wäre unmöglich oder noch so weit weg, dass wir sie nicht mehr erleben werden, ist, dass wir dabei nur auf das Ergebnis schauen, nicht aber auf den Weg, der dorthin führt. Als professioneller Coach glaube ich, dass die Ergebnisse von selbst folgen, wenn sich das Training verbessert.

Ich bin ein Trainer, der viel von Daten und technologischen Trainingswerkzeugen hält. Im Radsport haben Power Meter Training und Wettkampfleistungen regelrecht revolutioniert. Schwimmer profitieren enorm vom Training mit Kraftmessplatten oder in Strömungskanälen, von Technikanalysen per Video, außerdem von den Erkenntnissen mutiger und sachkundiger Trainer, die neue Periodisierungsmodelle und Trainingspläne entwickeln. In vielen Ausdauersportarten haben Training und Wettkampfleistungen ebenso große Fortschritte gemacht wie die eingesetzte Technologie, nur beim Laufen war das bisher anders. Damit ist es nun ­vorbei.

Wie ist der momentane Stand?

Was beim Laufsport bisher gefehlt hat, war eine Methode, mit der sich die erzeugte Leistung durchgängig messen lässt: während der Saison, im Wettkampf, auf Strecken mit unterschiedlichem Profil, bei wechselnden Wetterbedingungen und so weiter. Nun gibt es dieses Werkzeug, und es ist so einfach, dass man sich fragt, weshalb es so lange gedauert hat. Ich bin der Überzeugung, dass die Marathonzeit von unter 2 Stunden nur der Anfang sein wird. Die Weltrekorde werden nur so purzeln, vom Marathon bis zum 100-Meter-Sprint. Sobald auch in den anderen Bereichen der Leichtathletik wie Weit- und Hochsprung, Stabhochsprung sowie den Wurfdisziplinen ein Power Meter verfügbar ist, wird es dort genauso sein.

Und all das wegen eines einfachen Werkzeugs, dass es im Laufsport jetzt schon gibt. Mit dem Power Meter können wir die erzeugte Leistung direkt messen, noch während sie erbracht wird, statt lediglich indirekt anhand der erzielten Zeit oder anderen, erst nach der Leistung erfassten Parametern. Mit diesem Werkzeug erweitern wir unseren Datenschatz um Messgrößen und Maße, von denen wir bisher nicht einmal etwas wussten, und diese Erweiterung wird uns ein vollkommen neues Leistungsniveau erschließen.
Neue Technologien können einschüchternd sein. Manche werden sich gegen ein Power Meter entscheiden und lieber so weitermachen wie bisher. Doch ich garantiere Ihnen: Wenn Sie diese Gelegenheit mit offenen ­Armen empfangen und lernen, wie man mit einem Power Meter trainiert, werden die im Training gewonnenen Daten Sie auf smarte Weise schneller machen. Die Informationsflut mag für Trainer und Athleten zunächst überwältigend sein, aber wer sie bewältigt und lernt, sie zu seinem Vorteil zu nutzen, wird den Wettbewerbsvorteil schnell ­spüren. Wenn die besten Athleten mit den besten Trainern zusammenarbeiten, die wissen, wie sich anhand der Daten optimale Trainingsprogramme erstellen lassen, um an den Schwächen eines Athleten zu arbeiten, beginnt eine Revolution. Wir werden Leistungen sehen, die uns den Kiefer nach unten klappen lassen. Falls Sie mir nicht glauben, werfen Sie einmal einen Blick auf die historische Entwicklung des Laufsports. Sie werden sehen, die Stunde hat geschlagen: Die Geschichte wiederholt sich, und die Zukunft beginnt jetzt.

Dieser Text ist die Einleitung von Jim Vance zu seinem Buch "Wattmessung für Läufer", erschienen bei spomedis